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Ich, mein Schreibaby und das Verlorene Bauchgefühl

Anne schildert ihre Erfahrungen mit einem Schreibaby und welche Rolle die Medizinmaschinerie dabei spielte. Jahrelang war es ihr Leitspruch für erwartungsvolle, freudige, aber auch ängstliche Mütter aus dem Bekannten- und Freundeskreis: „Höre auf dein Bauchgefühl. Es wird dir den richtigen Weg zeigen.“ Annes Bauchgefühl hat bei der Tochter auch 3,5 Jahre wirklich super funktioniert – dann wurde Johann 2016 geboren.

Alles auf Anfang: dachte ich – Heultage und ein großes Trotzkind

Die große Schwester Charlotte freute sich sehr auf ihren kleinen Bruder Johann, überlegte schon, was sie mit ihm spielen möchte und das er bei ihr im Bett schlafen könne. Eine wunderbar harmonische Vorstellung. Unser zweites Wunschkind kam als Wonneproppen im Sommer zur Welt. Im Gegensatz zu Lotti war Johann allerdings schon im Krankenhaus ein unruhiges Baby, welches viel geweint hat und den Hebammen und mir Sorgen bereitete.

Das Stillen klappte gleich super, er nahm gut zu. An seiner Entwicklung gab es auch nichts zu meckern. Lediglich sein Billirubinwert war viel zu hoch. Er musste schon im Krankenhaus ins „Babysolarium“. Das war schon schwer zu ertragen sein Baby so zu sehen, leider reichte die Behandlung im Krankenhaus nicht aus. Wir sollten vom Kinderarzt beobachtet werden.

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Endlich durften wir nach Hause – alle freuten sich. Nur ich, ich stand vor unserem Haus, was mir in dem Moment viel zu groß vor kam, mir schnürte es die Kehle zu und ich konnte sie nicht verbergen, meine Tränen. Die berühmten Heultage zogen direkt mit ein ins Haus. Natürlich versuchte ich stark zu sein, vor allem für meine große Tochter. Sie hat ihre Mama sehr vermisst. Aber ich stieß schnell an meine Grenzen. Lotti war in einer nervenaufreibenden Trotzphase.

Die täglichen Machtkämpfe waren unerträglich, vor allem mit schreiendem Baby auf dem Arm. Er schrie Tag und Nacht, eine emotionale Achterbahnfahrt und eine neue Herausforderung für uns als Ehepaar. Wir suchten nach einer Ursache, machten uns aus Verzweiflung gegenseitig Vorwürfe und im nächsten Moment umarmten wir uns und waren stark.

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Mein neues Leben: Schreibaby 24/7

Mein Mann ist selbstständig und musste nach 2 Wochen „Elternzeit“ trotz unserer Umstände wieder arbeiten – auf Montage. Das hieß für mich von Montag bis Freitag allein mit einem Schreibaby und einem Trotzkind. Wie lange würde ich das ertragen und aushalten können. Nach einer sehr harten und anstrengenden Woche waren meine Kräfte zu Ende. Ich hatte keine Kraft für beide Kinder, ich war so unendlich traurig, weil ich es nicht geschafft habe für meine liebe Familie da zu sein. Laute und nicht enden wollende Nächte raubten meine letzte Energie.

Nein, leider haben wir keine Familie um uns, die uns hätte stunden- oder tageweise unterstützen können. Freunde boten ihre Hilfe an. Sie nahmen mir Lotti ab. Kurzfristig eine Lösung, aber langfristig seine Tochter immer woanders unterzubringen, war keine Option. Lotti vermisste mich als Mama.

So rief ich meine liebe „kleine Omi“ in meiner 350 km entfernten Heimat nahe Rostock an. Ohne Zögern packte sie wohlweißlich einen großen Koffer und kam am nächsten Tag mit dem Zug, um unsere kleine Familie zu unterstützen. Meine 77 jährige, rüstige Omi zog bei uns für 5 Wochen ein. Wir teilten uns das tägliche Sportprogramm. Johann fand nur im Kinderwagen zur Ruhe und in den Schlaf. Vom Stillen zum Wickeln in den Kinderwagen oder bei den Mahlzeiten in den Stubenwagen, den einer von uns durch das Wohnzimmer schob.

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Meine Omi im Haus, das war nicht immer einfach, aber sie war so stark und tapfer. Sie kochte, schob den Kinderwagen, spielte mit Lotti und putzte – sie war toll und es war die richtige Entscheidung. Ich kam runter, es war für alle gesorgt und ich konnte wieder Kraft tanken. Ich zählte die Tage und hoffte, dass es sich um die Dreimonatskoliken handelte und die wiederum nicht volle drei Monate anhielten.

Unsere Hebamme gab uns viele Tipps und ein paar Globulis. Der beste Tipp war das Pucken. Es hat Johann sofort für einen Moment beruhigt – so schlief er immer wie eine Raupe Tag und Nacht. Die Nächte blieben die größte Herausforderung, irgendwie schafften wir das mit unserem kleinen „Topterroristen“. Er konnte ja nichts dafür.

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Das verlorene Bauchgefühl im Hamsterrad der Medizin

Wir sollten den viel zu hohen Billirubinwert regelmäßig beim Kinderarzt kontrollieren lassen. Ständiges Blutabnehmen an einem drei Wochen alten Schreibaby – ohne Worte. Nein, so habe ich mir meine verdiente Elternzeit nicht vorgestellt. Das Schreien trieb mich in die Verzweiflung. Bei meiner Tochter habe ich selbst Vitamin D und Dekristol (zum Knochenaufbau) verweigert, weil ich es als unnatürlich empfand, einem kleinen Säugling so viel chemisches Zeug zu verabreichen. Bei Johann habe ich gar nicht mehr aufgehört nach immer weiteren Mitteln, wie Lefax, Sab simpex, Espumesan, Globulis zu recherchieren, um mögliche Gründe des Schreiens zu beheben. Das Schreien sollte bitte aufhören.

Ich hatte keine Kraft mehr um morgens aufzustehen, keine Kraft für den Tag, der mir bevorstand, keine Kraft für die Nacht, die mir keine Erholung brachte. Wir suchten auch eine Osteopathin auf. Sie nahm sich viel Zeit für meinen vier Wochen alten Topterroristen, und sie spürte etwas. Sie brach dennoch erst einmal die Therapie ab, weil sie wollte, dass wir die Gelbsucht abklären lassen. Das Billirubin stieg stetig an, Johann war richtig gelb. Nach Woche fünf verließen wir unsere Kinderarztpraxis mit der Diagnose starke Gelbsucht, bedenklichen Blutwerten und einer Einweisung in die 30km entfernte Uniklinik Leipzig. Damit waren wir mittendrin, im Hamsterrad der Medizin.

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Stationärer Krankenhausaufenthalt, Stillpause und endlich mal durchatmen trotz Schreikind

Schon etwas abgestumpft durch die regelmäßigen Blutentnahmen und Untersuchungen, ließ ich jegliche Untersuchungen über Johann ergehen. Nicht emotionslos, sondern hoffnungsvoll und ängstlich. Ich hoffte, man kann uns hier helfen. Hing der erhöhte Billi-Wert mit dem Schreien zusammen? Wie soll ich in einem Mehrbettzimmer mit meinem Schreikind überleben? Angst und Hoffnung wechselten sich ab und trieben mich an. Die Angst etwas zu übersehen und die Hoffnung die Ursache zu finden.

Mich überforderte es und ich wusste ich habe mein Bauchgefühl verloren, ich funktionierte nur noch. Ich war unendlich traurig, dass wir das alles durchmachen mussten. Meine Lotti bei Omi, sie verstand gar nicht, was los ist, mein Mann musste nach Hause kommen und wir im Krankenhaus bleiben. Das Familienleben stand wieder mal Kopf, mehr denn je. Ja, zig Untersuchungen und eine dreitägige Stillpause begleiteten unseren Tag. Die Stillpause führte zu einer leichten Senkung des Billirubinwertes. Es war wohl ein Hormon der Muttermilch, welches den Abbau des Billirubins erschwerte.

Aber, wenn ich zurückblicke, tat mir der Aufenthalt sogar sehr gut. Wir hatten das 3-Bettzimmer für uns allein. Gott sei Dank. Ich konnte mal durchatmen, keine stressigen, verbindlichen Familienzeiten einhalten, kein Haushalt und mal raus aus dem Dorftrott. Mich 24 Stunden auf Johann konzentrieren und nur für ihn da sein. Eins zu eins auf seine Bedürfnisse eingehen. Ein schönes Gefühl.

Ich ging teilweise noch vor dem Frühstück gegen 7 Uhr mit ihm spazieren, wenn unsere Nacht um 5 Uhr beendet war. Frühstückte um 10 Uhr oder holte mir einen Coffee-to-go beim Spazieren. Nach unzähligen Tests, etlichen Blutentnahmen und der Stillpause sind wir ohne befriedigendes Ergebnis entlassen worden. Die Gelbsucht würde sich verwachsen, das Schreien bessere sich nach einiger Zeit und ich solle wieder normal stillen. Johann war sechs Wochen alt.

Ich zählte die Tage … nichts, nichts wurde besser. Ich war so müde, ausgelaugt und wieder am Limit.

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Flucht in die Heimat

Das ging nicht so weiter, zerrissen zwischen zwei Kindern. Lotti forderte mich verständlicherweise ein, baden fahren, spielen, basteln- ich gab mir Mühe, sie sollte nicht darunter leiden, da war Omi einfach manchmal nicht genug. Sie wohnte nun schon 5 Wochen bei uns, sie tat es alles gern, aber es wurde Zeit die Bahnen neu zu lenken.

Meine Abende verbrachte ich händchenhaltend am Babybett oder mit stundenlangem Laufen und Wiegen im Schlafzimmer, immer mit der Hoffnung, dass Lotti gehorsam und friedlich schläft. Jeden Abend ging ich mit Angst ins Bett. Wie lange wird Johann wohl schlafen. Jedes Geräusch ging mir nachts durch Mark und Bein, das hat sich bis heute nicht geändert. Wie viele Male habe ich geweint, haben mein Mann und ich uns gestritten, die Nerven lagen blank.

Und wohin sehnt sich eine Tochter, wenn es ihr nicht gut geht? In die Heimat zur Familie! Ich musste raus, Tapetenwechsel war angesagt. Auch für Omi war es Zeit in ihre eigene vier Wände zurück zu kehren. Ich packte Sachen, meine Omi, Lotti und Johann ins Auto und wir fuhren zu meinen Eltern, Großeltern und Brüdern in meine Heimat – ein Vorort von Rostock. Angekommen, konnte ich die beruhigende Wirkung der Ostseeluft förmlich spüren – ich war zu Hause!

Ein friedliches Gefühl stellte sich ein. Ich bekam viel Unterstützung, Auszeiten und Zeit für jedes Kind. Mein Bauchgefühl kam langsam zurück und ließ mich mehr und mehr spüren, dass Johann nicht einfach ein Schreikind war, da war etwas nicht in Ordnung, wie es die Osteopathin vermutet hatte. Nur was?

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Die Macht des Bauchgefühls

Es sollten noch viele weitere Untersuchungen folgen mit immer neuen aufreibenden Befunden und Vermutungen, wie Allergien, Gendefekte und seltenen Krankheitsbildern. Im Nachgang teilweise so abstrus. Der Urlaub in meiner Heimat machte mich stark. Ich lernte Johann und sein Weinen anzunehmen und beschloss der Medizin zu entsagen.

Keine Kontrollen, keine Tests und neue Untersuchungen mehr. Johann wurde älter und lernte wohl ebenso wie ich mit den Umständen umzugehen, er wurde zunehmend ruhiger. Nach 8 Monaten musste ich aufgrund einer stark schmerzenden und blutigen Brustentzündung abstillen. Überraschenderweise entwickelte sich Johann zum „Sonnenschein“ – naja fast.

Die Ursache des Schreiens in unserem Fall

Das Fazit: Johann hat meine Muttermilch nicht vertragen. Ob es ein Hormon oder das Milcheiweiß war, haben wir nicht weiter untersuchen lassen. Wir haben ihn vorsichtshalber weiterhin ohne Milcheiweiß ernährt und mein Albtraum war beendet. Bereits als Johann 7 Wochen alt war, habe ich in meiner Heimat vermutet, dass es an meiner Muttermilch lag, doch habe ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört. Im Nachhinein hat es mich bestärkt, dass ich es gespürt habe, aber mich gleichzeitig traurig gemacht.

Mit meiner Angst und Verunsicherung, waren wir der  Medizinmaschienerie ausgesetzt und ich wurde meines Bauchgefühls beraubt. Als Privatpatient war Johann eine gute Einnahmequelle. Aus sicher nicht abzustreitenden Symptomen und Blutwerten wurde dennoch eine Wirtschaft gemacht. Natürlich ist das nur im Nachgang feststellbar und es ist wichtig z.B. eine Gelbsucht zu überwachen und andere Dinge abklären zu lassen. Doch so viel hätte es vielleicht in unserem Fall nicht sein müssen. Heute ist Johann 2 Jahre alt und ein freundliches, aufgewecktes Räuberkind: höher, schneller, weiter! Er ist beschwerdefrei und sein neuer Spitzname ist „Kaputtnik“.

Resümee meines Erfahrungsberichtes

Ich weiß nicht, wie wir das als Ehepaar, als Eltern, als Familie überstanden haben. Irgendwie. Kraft zog ich aus kleinen, wunderbaren Momenten oder auch mal aus einer Runde Mittagsschlaf, wenn mein Mann zu Hause war. Es hat unseren Blick auf Babys geprägt, wir selbst möchten kein drittes Kind, das konnte ich mir nach Lotti noch sehr gut vorstellen, und auch mein Babygefühl ist weg. Damit bin ich sicher ein begehrter Babybesuch, da ich keinem das Baby aus dem Arm reiße. Ich lächle jede Freundin an, die mir erzählt, wie anstrengend gerade ihr Baby sei. Dennoch bin ich als Experte von absoluter Erschöpfung und undenkbarer Grenzüberschreitung eine hilfsbereite und geduldige Freundin geworden.

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Nachtrag zum Erfahrungsbericht

Alle geschilderten Umstände sind natürlich persönliche Erfahrungen und wohl auch als Einzelfall zu betrachten. Wie schon im Erfahrungsbericht erwähnt, ist es wichtig eine Gelbsucht abzuklären und auch bedenkliche Symptome beim Kinderarzt vorzustellen. In unserem Fall, gingen die Untersuchungen einfach zu weit und auch die Panik-mache durch ungeheuerliche Diagnosen war unnötig. Gute und selbstlose Ärzte hätten uns Eltern wohl eher beruhigt, als mit unserer Angst zu spielen.

Hilfsangebote und Anlaufstellen für Familien mit Schreibaby

Wahrscheinlich ist in so einem Fall eure Hebamme die erste Ansprechpartnerin sowie auch der Kinderarzt. Sie kennen oft natürliche Vorgehensweisen, um erste Abhilfe zu schaffen. Hebammen bieten auch zunehmend Schreisprechstunden an.  

In vielen Großstädten gibt es Kliniken, die Hilfe anbieten durch sogenannte Schreiambulanzen oder Kompetenzzentren Frühe Interaktionsstörungen (FIS). Hilfesuchende können sich auch an soziale Einrichtungen wenden, die eine Schreibabyberatung anbieten, bspw. Caritas, Deutscher Kinderschutzbund, etc. Dazu sollte man sich wohnortspezifisch informieren, welcher soziale Institution derartige Beratungsangebote vorhält. Zur Recherche kann ich die Internetseite http://www.trostreich.de/Service/Adressen/adressen.html empfehlen.

Grundsätzlich sei dazu geraten sich Hilfe zu suchen, ob es Familie, Freunde oder Einrichtungen sind. Wer aber erstmal anonym bleiben möchte, dennoch das Bedürfnis hat seine Ängste, Sorgen und seine Wut mit jemandem zu besprechen, dem empfehle ich das Elterntelefon www.nummergegenkummer.de. Die Mitarbeiter sind erste Anlaufstelle und können bei Bedarf auf ein großes bundesweites Netzwerk zugreifen und somit weiterführende Hilfen anbieten.

 

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Mama Katja

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