Warum wir in Indonesien nicht auf die Straße gehen

Von | 2018-03-27T19:31:25+00:00 28. Februar 2018|Reisen|

… sondern in Surabaya wie eine chinesisch indonesische Familie leben

Was machen wir eigentlich 4 Wochen am Stück in einer indonesischen Großstadt? Ist das Backpacking? Wohl eher nicht. Wir besuchen Verwandte, bzw. sie uns und wir leben dort wie sie, wie die chinesisch stämmige Mittelschicht in Surabaya. Was genau das bedeutet, und warum wir uns eigentlich nie „auf der Straße“ aufhalten, möchte ich euch heute erzählen.

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Unsere Wohnsituation

Wenn wir nach Indonesien reisen, wird selbstverständlich die Familie meines Mannes dort besucht! Er ist Halb-Indonesier, auf Java geboren, seine Eltern wohnen in Deutschland, direkt neben uns, aber der Rest des Familienzweigs lebt in Surabaya auf Java. Surabaya ist eine riesige Großstadt auf der muslimisch geprägten Hauptinsel Indonesiens. (Hier schrieb ich schon mal einen kurzen Überblick über Indonesien, und hier über die Stadt Surabaya!).

Wenn wir nun in Surabaya sind, ist das kein „Urlaub“ im klassischen Sinne, sondern erstmal Verwandtschaftsbesuch. Das bedeutet wir nehmen uns ein sehr großes Appartement in einem Hotel, zusammen mit meinen Schwiegereltern und der Schwägerin mit Kind, also 5 Erwachsene und 3 Kids.

Für manche wäre das wohl schon die Hölle, für mich ist das aber okay. Die Wohnung ist groß genug gewählt, man kann alle Annehmlichkeiten des Hotels wie etwa den Pool oder das Gym mitbenutzen und die direkt angrenzende Mall mit Kino und vielen Restaurants kann den Bewegungsdrang stillen und bietet „Fluchtmöglichkeit“ wenn es doch zu viel Familie auf einem Haufen ist. Denn es kommen natürlich viele indonesische Verwandte mal kurz und spontan vorbei um uns zu besuchen. Die Besuche sind fast immer unangekündigt, so ist das hier. Und es wird immer ein Haufen Essen mitgebracht, und zwar das richtige indonesische Essen! So kann man sich prima durch alles durchprobieren.

Ich gebe zu, ein bisschen Bedenken hatte ich im Vorfeld, dass mir das alles zu viel wird, auch wegen der Kinder. Aber Alex hat einmal abends alles zusammengebrüllt als er müde wurde, ab dann war den Verwandten klar, dass um 19 Uhr Zeit zum Aufbruch ist hihi. Auch als die Kinder so krank waren, konnten wir das gut organisieren, dass sie die benötigte Ruhe bekamen – und keinen ansteckten.

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Tja und was treiben wir nun hier in Surabaya? Touristisch ist es hier nicht. Es gibt allerdings mehr „Weiße“ (Orang Bule) als noch vor 9 Jahren als ich das erste Mal mit hier war. Diese sind aber meistens Geschäftsleute, denn natürlich wird in der zweitgrößten Stadt Indonesiens viel Business gemacht. Wir verbringen viel Zeit in Malls. Nun könnte man natürlich fragen, warum wir uns nicht „auf der Straße“ herumtreiben, und mal auf einen Markt gehen. Oder warum wir nicht „auf der Straße“ essen?

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Indonesische Mittelschicht mit chinesischen Wurzeln

Die Antwort ist ganz einfach: Familie. Wir sind eben nicht als Touristen hier, sondern als Teil der Familie. Und das heißt wir verhalten uns so, wie die Familie es hier tut und halten uns an ihre Empfehlungen. Die Familie ist chinesisch stämmig, das heißt sie gehören der chinesischen Minderheit hier in Indonesien an, die sich in etwa in der Zeit der niederländischen Herrschaft hier angesiedelt haben.

In der Geschichte und eben auch in der etwas jüngeren Vergangenheit kam es immer wieder zu (politischen) Situationen, in denen die ansässigen Chinesen auf Java zeitweise viel überfallen wurden. So zum Beispiel nach der Asienkrise 1997/1998. Zu der Zeit war es hier ein wenig brenzlig und mein Mann und seine Eltern waren einige Jahre nicht in Indonesien zu Besuch. Die Lage ist inzwischen anders, ich fühle mich in Indonesien sicher. By the way, Taschendiebstähle gibt es in Surabaya so gut wie gar nicht!

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Aber „man“ muss sich an ein paar Dinge halten, hier in der Großstadt. Das mag für „normale Touristen“ anders sein, und auf Bali zum Beispiel ist es auch komplett anders. Aber in Surabaya geht die Familie eigentlich nicht auf der Straße spazieren, lediglich in und um ausgebaute Wohngegenden herum. Auch kleine Entfernungen werden stets mit dem Auto oder mindestens mit dem Motorrad zurück gelegt. Die Straße wäre zu „heiß und dreckig“. Aber ich kann mir vorstellen, das auch ein bisschen Angst geblieben ist, von der Situation vor einigen Jahren. Jedenfalls wenn die Familie sagt, „nee ihr geht lieber nicht hier in der Stadt auf die Straße, wir fahren euch zu den Restaurants und Malls da seid ihr sicher und wir verbringen unsere Zeit ja auch so“, dann ist das für uns so. Das ist ein bisschen schade vielleicht auf der einen Seite, aber wir leben eben hier größtenteils wie die Familie.

Diese „Rausgeh“-Kultur wie wir sie kennen, dass man z.B. beim Essen im Restaurant einen Tisch draußen nimmt oder dass man in einer Fußgängerzone flaniert, das gibt es hier in der Stadt auch nicht (es gibt zwar in Restaurants Tische draußen, aber dort nehmen meist die Raucher Platz)! Es ist eine ganz andere Mentalität und die Stadt ist baulich und vom Verkehr her ohnehin für Fußgänger eine Katastrophe (was nicht immer so war, wie wir auf historischen Fotoaufnahmen aus der niederländischen Kolonialzeit sahen). Wenn man es sich leisten kann, bleibt man drinnen.

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Update März 2018: Mittlerweile werden seitens der Stadt große Anstrengungen unternommen, Surabaya sauberer und fußgängerfreundlicher zu machen. Und in der Tat habe ich Surabayas Straßen und Flüsse noch nie so sauber und aufgeräumt gesehen, es herrschen fast schon Singapurische Zustände ;) Natürlich ist das nicht in allen Gegenden so, zumindest jedoch in der Innenstadt. Auch der enorme Ausbau von Bürgersteigen (übrigens im Indonesischen aufgrund der Niderländischen Kolonialzeit auch Trottoir genannt) und Straßenlaternen lädt quasi zum Flanieren ein. Jedoch sehe ich immer noch keine Menschen auf den Straßen Surabayas spazierengehen. Ich bin gespannt wie sich diese Bemühungen der Stadt weiterentwickeln und werde berichten. Jedoch scheinen diese Bemühungen nicht von allen positiv gesehen zu werden. Laut Zeitungsberichten, scheint es Teilen der Bevölkerung nicht zu gefallen, dass dadurch die Fahrbahn ja verkleinert würde und man somit noch länger als ohnehin schon im Stau stünde.

Sonne und Hitze, das ganze Jahr über

Man möchte ja immer das haben, was man nicht hat: Die Europäer wollen eine gesunde Bräune und die Indonesier eine helle weiße Haut. Denn die helle Haut ist hier nach wie vor das gewünschte Schönheitsideal. Geschwommen wird in Freibädern in den frühen Morgenstunden oder kurz vor der Dämmerung; nur die weißen Europäer/Aussies lassen sich schön in der Mittagssonne rot brutzeln. ;)

Update März 2018: Das „weiße“ Schönheitsideal scheint mir doch einen größeren Stellenwert einzunehmen als ich dachte. Wenn ich von Stefans Verwandten Geschichten höre, dass bereits deren Kinder in der Grundschule schief angeschaut und gefragt werden, weshalb sie braun geworden seien und das Ganze in Tränenausbrüchen endet – da wird mir das Ausmaß dieses sozialen Drucks, möglichst nicht braun zu werden, erst richtig bewusst.

Auch sportliche Aktivitäten wie Joggen werden von Stefans Cousins um 5 Uhr morgens vor Sonnenaufgang hinter sich gebracht, bevor die Hitze den Schweißfluss ins Unermessliche treibt. Denn das „Nicht-Schwitzen“ ist hier ein erstrebenswertes Ziel, was aufgrund der anhaltend schwülen Hitze auch wenn man sich nicht rührt unmöglich ist (was haben sich Stefans Verwandte als sie in Deutschland zu Besuch waren über den deutschen Hochsommer gefreut und sich so gerne draußen aufgehalten; es sei ja „so schön kühl“, während uns der Schweiß nur so herunterlief ;). So bewegt man sich in Surabaya von einer Klimaanlage zur nächsten und hält sich von der Sonne fern. Für mich ist dieser Lebensstil immer eine Herausforderung und könnte ich mich nicht mit den Kindern am Hotelpool draußen aufhalten, würde ich wahrscheinlich einen Koller kriegen! ;)

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Dies scheint aber nicht immer so gewesen zu sein, wie ich aus Erzählungen meiner Schwiegermutter herausdeutete. Ihre Kindheit verbrachte sie sehr viel draußen, viel mit Tieren und der freien Natur. Auch Fotos aus Urlauben auf Java deuten auf viele Aktivitäten unter freiem Himmel hin. „Damals war es auch nicht so heiß wie heute“, höre ich sie erzählen, „es gab ja noch nicht mal Klimaanlagen“. Allerdings lebte meine Schwiegermutter in ihrer Jugend auch nicht in Surabaya, wo sich die Hitze durch allerlei Gebäude so sehr staut. Trotzdem scheint auch sie im Surabaya der 70er Jahre viel zu Fuß zurückgelegt zu haben wenn sie erzählt, „damals sind wir diese Strecke gelaufen, es war ja noch nicht so viel Verkehr“. Oh ja, es herrscht immer sehr viel Verkehr in Surabaya.

Auch wenn mir mein Mann von seiner Kindheit erzählt, höre ich da viel Spielen, Laufen und auch Becak fahren (das sind die indonesischen Rikschas) „auf der Straße“ heraus. Die Lebensumstände scheinen sich also im Laufe der Jahre geändert zu haben. Oder aber die jährlich steigende Durchschnittstemperatur leistet ihren Beitrag. Vielleicht ist es aber auch der klimatisch sehr heißen Großstadt Surabaya geschuldet, wo sich die Hitze staut wie in einem Gewächshaus und man im Stehen schon anfängt zu schwitzen (so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Familie meines Mannes täglich zweimal duscht). Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem. Fakt ist, die Hitze wird hier in Surabaya gemieden!

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Essen „auf der Straße“

Nun zum Essen „auf der Straße“. Die Familie isst kaum an den kleinen Wägen (Kaki Lima) und Ständen (Warungs). Nur an ganz bestimmten, die sie kennen. Und dabei benutzen sie übrigens oft ihre eigenen Teller und Bestecke und nehmen die Speisen mit nach Hause! Warum? Es mag nicht für alle gelten, aber oft begleitet die Verkäufer ein Eimer Wasser den ganzen Tag, in dem das Geschirr gewaschen wird. Wie oft dieses Wasser gewechselt wird und ob es auch für die eigenen Hände benutzt wird, weiß nur der Verkäufer. ;)  Da bringt es dann halt auch nix mehr, wenn die Speisen gut durchgegart sind bevor sie Teller oder Gabel berühren!

Ab und zu packt die Familie aber anscheinend doch der Nervenkitzel, denn ich erinnere mich an Ausflüge nach Sarangan und Bali, wo wir draußen bei einem Kaki Lima Stefans Leibspeise Bakso (Suppe mit Fleischklößen) gegessen haben. Also die andern. Ich konnte es nicht… Aber Stefan war restlos begeistert, denn anscheinend hat es unglaublich lecker geschmeckt! ;)

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Wir sind also in Surabaya viel drinnen. Die anhaltende Hitze, die wärmespeichernde Großstadt Surabaya und das Schönheitsideal der hellen Haut leisten ihren Beitrag. Auf Bali leben wir das dann anders, da sind wir richtige Touris in Touristengebieten. Das ist für uns dann immer der „Urlaub“, der Entspannungsteil! Mit viel Pool wie hier, viel Strand und gelegentlichem Bummeln durch die angrenzenden Straßen mit „Touri-„Geschäften wie z.B. in Ubud. Und wenn wir vielleicht mal ganz mutig sind, essen wir an einem Kaki Lima und vergessen gedanklich den Eimer Wasser ;)

Über den Autor:

Ich heiße Katja und lebe mit Mann und meinen Kindern Sophia (*2013) und Alex (*2016) im Rhein-Main-Gebiet. Obwohl ich diplomierte Mathematikerin bin, liebe ich es zu schreiben und zu nähen. Das ist mein kreativer Ausgleich zum turbulenten Leben mit den kleinen Chaoten!

8 Comments

  1. Jasmin 28. Februar 2018 um 13:06 Uhr - Antworten

    Sehr schöner Bericht.
    Als Backpapier Tourist habe ich viel auf der Straße gegessen. Und es bekam mir immer gut. Da hatte ich wohl Glück. Das Essen auf der Straße fand ich immer unglaublich lecker. Mit Kids würde ich dann aber sicher eigenes Geschirr mitnehmen. Danke schonmal für diesen Tipp.

    • Katja Czajkowski 28. Februar 2018 um 13:35 Uhr - Antworten

      Ich denke auch dass es bestimmt lecker ist… ist halt ein Abwägen, wie alles im Leben. Schön dass du bei mir einen Tipp gefunden hast :)

  2. Jasmin 28. Februar 2018 um 13:07 Uhr - Antworten

    Backpacker! :-)

  3. Sabrina 1. März 2018 um 10:53 Uhr - Antworten

    Wir waren letztens in Bali und haben nur auf der Straße gegessen. Anfangs musste ich auch übelst über meinen Schatten springen, aber das Essen war tatsächlich lecker und unseren Mägen hat es auch nicht geschadet. Die Blicke der Einheimischen waren auch sehr lustig, aber ich denke sie haben sich sehr gefreut dass uns ihr Essen schmeckt (und sie uns mehr Geld abzapfen können ;) ) So mussten wir auch öfter mal an nem Bakso Stand stehen bleiben weil mein Freund diese Suppe großartig fand. :)
    Darmvirus hab ich mir tatsächlich dann erst auf den Gilis eingefangen vom Frühstück im 4*** Hotel!!!! ;D

    • Katja Czajkowski 1. März 2018 um 11:18 Uhr - Antworten

      Ich glaube auf Bali ist das nochmal anders als in der Großstadt – wobei wir da auch nicht auf der Straße gegessen haben… xD

  4. Juchulia 1. März 2018 um 14:06 Uhr - Antworten

    Haha, das erinnert mich an unser erstes Mal Indonesien 2004, als wir uns vom Hotel aus aufmachten um Jakarta (!!!) zu Fuß zu erkunden, Nationalmuseum lag ja direkt ums Eck. Die haben uns angeschaut… Nach 200m haben wir ein Taxi angehalten und aufgegeben. Kein Gehsteig, keine Übergänge um die Straßenseite zu wechseln, massenhaft Verkehr und die Luft. Die Stadt war einfach nicht auf uns Fußgänger eingestellt. Also haben wir uns auch umgestellt. Spaziergänge haben wir erst wieder auf dem Land und später in Bali gemacht.

    LG Juchulia

    • Katja Czajkowski 2. März 2018 um 8:31 Uhr - Antworten

      Hahahaha ja das glaube ich! Hier ist zu Fuß gehen einfach nicht vorgesehen. Zumal ja Jakarta noch wesentlich „schlimmer“ sein soll als Surabaya, was Verkehr usw angeht. Und der Verkehr ist hier ja schon wirklich vollkommen Banane. :D

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